Holzingers Sancta polarisiert Stuttgart mit radikaler Opern-Performance
Greta JockelHolzingers Sancta polarisiert Stuttgart mit radikaler Opern-Performance
Eine radikale Neuinszenierung hat die Staatsoper Stuttgart im Sturm erobert.Sancta, unter der Regie von Florentina Holzinger, verbindet Hindemiths Oper mit extremer Performance-Kunst, katholischer Symbolik und roher Körperlichkeit. Die Premiere löste weltweite Debatten, einen Medienrummel und sogar Drohungen aus – begleitet von 18 medizinischen Vorfällen trotz vorheriger Warnungen.
Die Produktion interpretiert Paul Hindemiths Sancta Susanna neu, ein Werk, das 1921 wegen angeblicher Gotteslästerung verboten wurde. Holzinger setzt sich in ihrer Version mit Geschlechterungerechtigkeit und religiöser Unterdrückung auseinander – durch Nacktheit, inszenierte Verletzungen und Körperaufhängungen, die an Christi Wunden und Erlösung erinnern. Die Frauen in der Aufführung eignen sich ihre Rolle in der christlichen Geschichte zurück und fordern mit provokanten Bildern die Tradition heraus.
Dirigentin Marit Strindlund, die bereits mit Holzinger an Ophelia's Got Talent zusammengearbeitet hat, unterstützte die unkonventionellen Methoden der Regisseurin. Sie beschrieb die Unberechenbarkeit von Holzingers Kunst als elektrisierend und betonte, wie die intensiven Reaktionen des Publikums das Erlebnis noch verstärkten. Strindlund lobte zudem Holzingers Humor, der die harten visuellen Elemente der Show ausbalanciere.
Viktor Schoner, der Intendant der Oper, verteidigte Sancta als notwendigen Bruch mit opernhaften Konventionen. Anders als Holzingers frühere Werke wie Der Rote Wal hat diese Inszenierung beispiellose Kontroversen ausgelöst und das Stuttgarter Repertoire in Richtung mutigerer, zeitgenössischer Ausrichtungen gedrängt. Schoner argumentierte, dass solche Provokationen essenziell seien, um die abgeschottete "Blase" der Opernwelt zu sprengen – ohne dabei künstlerische Qualität zu opfern.
Sancta ist an der Staatsoper Stuttgart am 3., 4., 5. Oktober sowie am 1. und 2. November zu sehen, wobei die Oktober-Termine noch begrenzt verfügbar sind. Die November-Vorstellungen sind bereits ausverkauft.
Holzingers Sancta zwingt zu einer Auseinandersetzung mit Schmerz, Sexualität und Befreiung – auf und hinter der Bühne. Die Mischung aus Schock, Kritik und Unterhaltung hat der Produktion einen festen Platz in den Debatten über die Rolle der Kunst bei der Aufarbeitung gesellschaftlicher Wunden verschafft. Mit hoch nachgefragten Tickets ist ihr Einfluss auf die Stuttgarter Kulturlandschaft bereits unübersehbar.






