Feministische Erzählkunst: Wie Neslihan Arol das Meddah-Theater in Berlin neu erfindet
Bodo ZimmerFeministische Erzählkunst: Wie Neslihan Arol das Meddah-Theater in Berlin neu erfindet
Eine jahrhundertealte osmanische Erzähltradition erhält in Berlin ein modernes Update. Neslihan Arol, Künstlerin im Bavul Café in Kreuzberg, hat das traditionell männlich dominierte Meddah-Theater in ein feministisch geprägtes, mehrsprachiges Erlebnis verwandelt. Ihre lebendigen Auftritte verbinden Humor, Politik und die Kunst des Solo-Theaters – stets im Geiste der ursprünglichen Tradition.
Das Meddah-Theater entstand im Osmanischen Reich als Unterhaltungsform, die zugleich aufklären und das Publikum zum Nachdenken anregen sollte. Meist männliche Geschichtenerzähler traten in Kaffeehäusern auf und verbanden Satire, moralische Lehren und gesellschaftskritische Kommentare. Besonders im 19. Jahrhundert blühte diese Kunst auf und brachte Menschen in den Städten durch Witz und Erzählkunst zusammen.
Neslihan Arol kam 2014 nach Berlin, um sich in Comedy, Clownerie und Meddah-Performances auszuprobieren. Zuvor hatte sie zwar Chemieingenieurwesen studiert, wechselte dann aber zur Schauspielerei und schloss einen Master mit Schwerpunkt auf Clowns- und feministischem Theater ab. Für sie ist die Figur des Clowns befreiend – sie ermöglicht es Frauen, auf der Bühne laut, chaotisch und ohne Entschuldigung komisch zu sein.
Ihre Auftritte sind alles andere als traditionell. Sie verbindet Deutsch, Türkisch und Englisch, springt zwischen scharfem Humor und ernsten Themen. Ein kleines Teelicht steht neben ihr – Symbol für die Menschlichkeit der Meddah-Tradition. Früher nutzte sie eine alte Gaslampe, doch nach einem Beinahe-Unfall wechselte sie zur sicheren Kerze. Am Ende jeder Vorstellung bläst sie diese aus und markiert so das Ende der Erzählstunde.
Arols Interpretation des Meddah-Theaters hält die alte Kunstform lebendig und durchbricht gleichzeitig ihre Geschlechtergrenzen. Ihre Shows im Bavul Café mischen Geschichte, Politik und Lachen – ein Beweis dafür, dass Erzählkunst auch heute noch herausfordern und verbinden kann. Die Flamme der Kerze erlischt zwar am Ende, doch die Tradition, die sie neu gestaltet, brennt heller denn je.






